Wir trauern um Herbert Scherer, der am 24.10.2021 verstorben ist

Lieber Herbert,
wir haben uns entschieden, Dir einen Abschiedsgruß zu schreiben…und schon das klingt so falsch, so blöd, ebenso als könne das doch gar nicht sein. Wieso Abschied? Du bist doch noch da, wir haben Dich deutlich vor uns:

Gegen Mittag eintreffend, hörbar am Geklimper Deines Riesenschlüsselbundes oder den Kopfhörer auf den Ohren und den Blick konzentriert auf den Computer-Bildschirm, ins Gespräch vertieft auf der Bank im Hof, mit der Tasse in der Hand auf dem Weg zur Küche oder ein Telefon am Ohr, zunächst ruhig argumentierend später vehement diskutierend, dabei lauter und lauter werdend, in der Teamsitzung nachdenklich den Blick nach unten gerichtet, ihn dann hebend und etwas sagend, was einem Gespräch eine neue Richtung gibt, dann wieder ärgerlich die Stirn in Falten und bald darauf mit dem typischen Herbert-Lächeln. All das ist so präsent, wieso also Abschiedsgruß?

Aber es ist tatsächlich so, am Sonntag, den 24. Oktober bist Du nicht mehr aufgewacht, von uns gegangen, plötzlich verstorben … wieder so Worte, die hohl klingen, die erst recht nichts zu beschreiben scheinen, was Dich meint. Schließlich warst Du immer da. Ein Fels in der Brandung. So ein Fels bleibt doch. Nicht wahr?


Würdest Du noch bei uns sein, dann könnten wir Dich jetzt fragen: Sag mal Herbert, wie können wir am besten jemandem schreiben, der nicht mehr unter uns ist und doch so sehr anwesend, dass es furchtbar schmerzt?

Wir würden Dich ganz sicher fragen, denn Dich fragen, Dich um Unterstützung bitten, das konnte man immer und für nichts war Dir Deine Zeit zu schade. Meist hast Du einfach unterbrochen, was Du gerade tatest und Dich der Lösung des an Dich herangetragenen Problems gewidmet, die dann oberste Priorität hatte. Nicht für Dich musste die Lösung wichtig sein, sondern für denjenigen, der Dich fragte.

Überhaupt: Keine Lösung gab es für Dich nicht. Dich abfinden mit einem Unmöglich? Niemals. Da muss doch was gehen. Wenn erst einmal nichts ging, gabst Du Ruhe, so schien es. In Wirklichkeit arbeitete es in Dir weiter und irgendwann hattest Du eine Idee, eine Möglichkeit, wie es eben doch gehen könne. Du warst ein Stratege, ein schlauer Fuchs, ein Denker, ein Tüftler und jemand, der dran blieb an einer Thematik.

Du hast Dich grenzenlos engagiert, Dich immer in Richtung Vorwärts, Neu und Besser orientiert, warst uns damit Vorbild und hast die „Pette“ wie sie heute ist, ganz entscheidend mitgeprägt. Manchmal war das anstrengend, sehr fordernd, auch überfordernd. Es gab Momente, in denen einige von uns langsamer gehen wollten als Du. Dich davon zu überzeugen war nicht einfach, Du konntest ruppig werden, zornig in Deiner Ungeduld.

Aber Du kennst Dich ja, und würdest Du diese Zeilen lesen, würdest Du lächeln, denn auch das war etwas, was Dich zutiefst ausmachte: Dieses Lächeln nach einem Streit, die Fähigkeit, einen Schritt zurücktreten zu können, eine Überzeugung, gegen die Du eben noch vehement andiskutiert hattest, dann doch der manchmal besseren Argumente wegen zu akzeptieren, eben nicht auf einem einmal gefundenen Standpunkt zu verharren, sondern auf den oder die andere zuzugehen dem Wunsch nach Wahrhaftigkeit, Harmonie und Gemeinsamkeit folgend.

Das war ganz wunderbar, weißt Du das?

Dein Engagement war immer persönlich, aber nichts schien nur altruistisches Geben zu sein. Ein Beispiel hierfür ist Dein beschützendes, stetes, sicheres Dasein für Regina Kantelberg bis zu ihrem Tod. Ihre Bücher jedoch berührten und begeisterten Dich, ließen neue Gedanken entstehen, waren Dir ebenso Geschenk, wie Deine Unterstützung es wohl für sie war. Geben- aber auch Nehmenkönnen. Augenhöhe.

Was würdest Du sagen zu alldem, was wir Dir hier schreiben? An welchem Punkt widersprechen? Vielleicht beim Thema „Ungeduld“? Du hättest Recht, denn manchmal warst Du auch die personifizierte Geduld. Beides. Und Du konntest ebenso warnender Bedenkenträger sein, wie Du alle Bedenken, wenn es um eine Sache ging, die Dir wichtig war, einfach wegwischen konntest.

Was meinst Du, alter Philosoph, ist Widersprüchlichkeit ein Zeichen von Lebendigkeit? Denn lebendig, das warst Du. So sehr!

Nie werden wir Deine Berührbarkeit vergessen, Deine Begeisterung, Dein Strahlen zum Beispiel, wenn Du Fotos von Deinen Enkelkindern zeigtest, wenn Du ein neues technisches „Spielzeug“ gefunden hattest, welches es zu erkunden galt, wenn eine vage Idee plötzlich begann, sich in Realität zu verwandeln, erst recht, wenn  Menschen hierfür zueinander fanden und über sich hinauswuchsen.

Ein Sommerfest, ein richtig großes, besonderes, um zu zeigen, dass wir wieder zurück sind, nach den zermürbenden Lockdown-Zeiten, das war ganz in Deinem Sinne: Wir hören Dich noch immer euphorisch über den schönen Ort reden, an dem es stattfinden soll, über die vielen kleinen Initiativen der Ehrenamtlichen, die zusammen etwas Großes zustande bringen werden, sehen Dich Busfahrkarten und Buttons herstellen, hören die begeisterte Erprobung des Megaphons und die Einführung der kleinen Plappermöwe als neues Teammitglied. Dann die Busfahrt und dort in Kagel dann ein Herbert, der genau da zu sein scheint, wo er sein möchte; UNSER HAUS, die Pette, so etwas wie ein Nachbarschaftshaus, ein Haus, in dem Menschen mit unterschiedlichen Stärken einander unterstützen, wissend, dass tatsächlich jeder Mensch Stärken hat, Dein Traum, nicht wahr, Herbert?

Ein Kämpfer für Gerechtigkeit und Menschlichkeit warst Du. Nein, sag nicht, diese Worte seien zu groß! Ungerechtigkeit oder dass jemand einfach nur weniger oder nicht richtig wahrgenommen wurde, hast Du nicht geduldet, ebenso wenig, wenn Regeln, Gesetze, Bürokratie, scheinbar Unveränderliches größere Bedeutung bekam als Menschen.

Im Jiddischen sagt man „a Mentsch“ und meint damit jemand ganz Besonderen, jemand, der sich mit keinem anderen Wort ausreichend beschreiben ließe, a Mentsch ist … einfach so jemand, wie Du es warst.

Wir werden Zeit brauchen, um ohne Fels der Brandung zu trotzen.
Du wirst in Gedanken immer bei uns sein, pluckte Finken kochen, lächeln, auch mal die Stirn runzeln und wenn wir uns fragen, was Du uns in diesem oder jenem Falle raten würdest, wird uns das gut tun.

„Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“ Du (…und ein bisschen auch Goethe) prägtest mit diesem Satz den Geist von UNSER HAUS.

Wir versprechen Dir, lieber Herbert, dem treu zu bleiben.
Adiós
Dein Team